Riethschleuder Erfurt Bahnhof Bahnsteig

Die „Riethschleuder“ – Stadtgeschichte Erfurt

Die Haltestelle Györer Straße in Erfurt war einst Teil eines ganz besonderen Projekts: der sogenannten Riethschleuder – im Volksmund benannt nach der Erfurter S-Bahn, die nie offiziell diesen Namen trug.

Gebaut wurde die Strecke im Jahr 1976, mitten in der DDR-Zeit, um das stark wachsende Neubaugebiet Rieth mit dem Erfurter Norden und den großen Betrieben zu verbinden. Die Strecke war rund fünf Kilometer lang und nutzte größtenteils bestehende Gleise. Nur zwei neue Haltepunkte wurden damals errichtet – darunter die Györer Straße.

Die Bahn war als Pendlerverbindung gedacht. Vor allem Mitarbeiter des Kombinats Umformtechnik – heute Schuler Pressen – sowie viele Eisenbahner nutzten sie für den täglichen Arbeitsweg. In den Hauptverkehrszeiten fuhren werktags acht Zugpaare, morgens und nachmittags. Am Wochenende oder abends blieb die Bahn jedoch meist still.

Trotzdem war der Betrieb nie wirklich komfortabel. Die Tickets waren mit 20 Pfennig teurer als die Straßenbahn, die nur 12 Pfennig kostete. Außerdem wurden Fahrkarten der Erfurter Verkehrsbetriebe auf der Bahn nicht anerkannt. Wer also umsteigen musste, zahlte doppelt.

Auch war der Begriff „S-Bahn“ nie offiziell. Auf Fahrplänen tauchte sie als Stadtschnellbahn oder DR-Stadtverkehr auf. Der Spitzname „Riethschleuder“ entstand durch die Fahrweise – die Züge fuhren zügig durch die Siedlungen, mit einem charakteristischen Ruckeln und Schleudern.

Nach der Wende änderte sich vieles. Die Industrie verlor an Bedeutung, viele Menschen fuhren mit dem Auto – und die Passagierzahlen sanken rapide. 1995 wurde der Personenverkehr eingestellt. Bis 2003 fuhren noch gelegentlich Güterzüge, dann wurde die Strecke endgültig stillgelegt und die Gleise zurückgebaut.

Heute ist die Haltestelle Györer Straße fast vollständig überwuchert. Nur noch wenige Spuren erinnern an den einstigen Bahnsteig.

Doch das Gelände ist nicht vergessen: Studierende der Universität und Fachhochschule Erfurt haben Pläne entwickelt, um die alte Trasse neu zu beleben – nicht für Züge, sondern für Menschen. Die Idee: ein Naherholungsraum mit Naturpfaden, Lernstationen und Sinneserfahrungen. Ein Ort für Bildung, Erholung und Erinnerung zugleich.

So bleibt die Geschichte der „Riethschleuder“ nicht nur in alten Fahrplänen und Fotos lebendig – sondern auch in der Landschaft selbst.

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